Warum man nicht von „übernatürlichen“ Phänomenen reden sollte

Allgemeines

Ein Begriff, der immer wieder in einem Atemzug mit paranormalen Phänomenen und Erfahrungen genannt wird, ist der des Übernatürlichen. Paranormale Phänomene erscheinen uns auf den ersten Blick so, als würden sie aus der natürlichen Ordnung herausfallen. Sie scheinen mit den gültigen Naturgesetzen unvereinbar und werden daher häufig als übernatürlich bezeichnet. Diese Bezeichnung beruht jedoch, wie sich leicht zeigen lässt, auf einem rein subjektiven Eindruck.

So argumentiert beispielsweise Durckheim (1968), dass der Begriff des Übernatürlichen nicht als notwendiges Merkmal einer Religion angesehen werden kann, da er offensichtlich ein Produkt unseres neuzeitlichen aufgeklärten Denkens ist. In den Vorstellungen älterer Kulturen kommt dieser Begriff dementsprechend auch nicht vor, da unerklärlich anmutende Phänomene ohne große Schwierigkeiten in das Weltbild dieser Kulturen eingepasst werden konnten. Erst in der jüngsten Zeit ist es uns durch unsere Erziehung zum aufgeklärten Denken und durch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften nicht mehr so einfach möglich, unerklärlich erscheinende Erfahrungen auf einfache Weise in unser überwiegend mechanistisches Weltbild zu integrieren – zumindest nicht ohne entsprechende Fachkenntnisse. Das führt allzu oft dazu, dass sie nicht mehr als Teil der Natur wahrgenommen und automatisch in den Bereich des „Übernatürlichen“ verbannt werden.

Dass dies für die wissenschaftliche Erforschung dieser Erfahrungen ein Problem darstellt, liegt auf der Hand. Die moderne Wissenschaft, vor allem die empirischen Wissenschaften, suchen nach Erklärungen. Wenn nun ein auftretendes Phänomen als übernatürlich bezeichnet wird, so wird damit automatisch implizit ausgedrückt, dass es mit wissenschaftlichen Methoden und Theorien nicht erklärbar ist. Damit wird das Phänomen einer systematischen wissenschaftlichen und vor allem empirischen Untersuchung entzogen. Es kann allenfalls noch Thema philosophischer Diskussionen sein. Selbstverständlich sind auch solche Diskussionen zu wissenschaftlichen Fragestellungen wichtig, gerade auf dem Gebiet der Parapsychologie. Aber eine reine Einordnung paranormaler Phänomene als metaphysisch ist meines Erachtens unbefriedigend und kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Daher sind auch empirische Untersuchungen zu den Phänomenen unentbehrlich, da sie dazu beitragen, eine durch empirische Befunde und darauf beruhende Theorien gestützte Erklärung für das Erleben zu bieten. Wenn aber ein Phänomen als übernatürlich bezeichnet wird, so bleibt uns nichts anderes übrig, als das Phänomen dem Glauben oder Unglauben jedes einzelnen zu überlassen. Dies jedoch ist aus wissenschaftlicher Sicht der falsche Weg.

Und auch für die Beratung von Menschen mit paranormalen Erfahrungen ist der Begriff des Übernatürlichen nicht hilfreich. Im Gegenteil. Meines Erachtens führt die Tatsache, dass paranormale Erlebnisse als übernatürlich wahrgenommen werden, erst zu der Verunsicherung und den Ängsten, die viele Menschen bei ihren Erfahrungen empfinden. Das Erlebte widerspricht scheinbar ihrem aufgeklärten, mechanistischen Weltbild. Die Erfahrung wird durch die Einordnung als übernatürlich zudem nicht selten auch noch als nicht mehr kontrollierbar empfunden.

Daher vermeide ich bei meiner Beratung den Begriff des Übernatürlichen. Ich gehe davon aus, dass paranormale Phänomene und Erfahrungen auf natürliche Weise erklärt werden können. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass die Erklärung eines Phänomens in jedem Fall bereits bekannt ist. Es mag durchaus Anomalien geben, die die Erweiterung oder Überarbeitung des wissenschaftlichen Forschungsstands erfordern. Aber übernatürlich sind diese Anomalien deswegen noch nicht.

Der Begriff „paranormal“ dagegen bezeichnet zunächst einmal nichts, was nicht zur Natur gehört, sondern etwas, was über das Normale hinausgeht oder davon abweicht. Auch dieser Begriff ist nicht ganz unproblematisch, da er oft nicht inhaltlich verwendet wird, sondern ausgrenzend, wie Wunder (2000) diskutiert:

„Die Basis für die Ausgrenzung als „paranormal“ bilden in der „Skeptiker“-Bewegung die gesellschaftlich herrschenden Kosmologien, wie sie vor allem im traditionellen Wissenschaftsbetrieb üblich und durch ihn vorgegeben sind, der „gesunde Menschenverstand“ und ein damit assoziierter Vernunftbegriff, ein mehr oder minder naiver Realismus und Szientismus in der Tradition der Aufklärung. Im Detail sind die positiven belief-Systeme aber durchaus unterschiedlich, während nur die Ablehnung des „Paranormalen“ eint.“

Ich verwende den Begriff des „Paranormalen“ hier dennoch, da er sich eingebürgert hat. Damit möchte ich das Erlebte jedoch nicht als irrational ausgrenzen, wie es viele Skeptiker tun, sondern meine damit Anomalien. Anomalien sind in der Parapsychologie nach Max Dessoir (1889) „die aus dem normalen Verlauf des Seelenlebens heraustretenden Erscheinungen“, die Menschen als Spuk, Geistererscheinungen, außersinnliche Wahrnehmung oder ähnliche Phänomene wahrnehmen und die sie nicht mit ihrem Wissen über die Welt in Einklang bringen können oder die tatsächlich nach bisherigem Kenntnisstand nicht mit bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen erklärbar sind.

Literatur:

Durckheim, E. (1968). Les formes élémentaires de la vie religieuse. Presses Universitaires de France, Paris.

Wunder, E. (2000). Die „Skeptiker-Bewegung“ in der kritischen Diskussion. http://www.skeptizismus.de/skepreview.pdf.

Dessoir, M. (1889). Die Parapsychologie. In: Wilhelm Hübbe Schleiden (Hrsg.): Sphinx. Monatsschrift für die geschichtliche und experimentale Begründung der übersinnlichen Weltanschauung auf monistischer Grundlage. 7, Leipzig und Braunschweig.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.