Über Erklärungen in der parapsychologischen Beratung

Beratungsanfragen Forschung

Anomalien werden so bezeichnet, weil eine endgültige wissenschaftliche Erklärung für ihr Auftreten noch nicht gefunden werden konnte. In meiner Beratung habe ich es oft mit derartigen Anomalien zu tun. Da sich in den meisten Fällen Menschen an mich wenden, die solche Erfahrungen machen und dadurch verunsichert oder gar verängstigt werden, ist es auf der anderen Seite oft hilfreich, wenn ich den Ratsuchenden eine Erklärung für ihr Erleben anbieten kann. Daher stellt sich die spannende Frage, wie eine solche Erklärung aussehen kann, wenn das Erlebte wissenschaftlich noch nicht abschließend erklärbar ist, und wie dabei mein Anspruch einer wissenschaftlich fundierten Beratung gewahrt bleiben kann.

Die Antwort auf die Frage ist so einfach wie komplex. Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt darin, mehrere Erklärungsebenen für eine Anomalie zu identifizieren und wiederum die Erklärungsebenen ausfindig machen zu können, die für eine Beratungssituation hilfreich und zielführend sind. Denn bei einer Beratung kommt es meist nicht darauf an, eine Erklärung geben zu können, die wissenschaftlich hinreichend in dem Sinne ist, dass sie das Phänomen auf allen Ebenen wissenschaftlich erklären kann. In der Regel reicht es, eine Erklärung auf einer Ebene geben zu können, die für den Ratsuchenden zugänglich ist und ihm bei der Verarbeitung des Erlebten und bei der Lösung des Problems weiterhilft. Was das genau heißt, möchte ich an einem Beispiel erläutern, das in meiner Beratungspraxis sehr häufig vorkommt.

Bei sogenanntem „Spuk“, auch RSPK (Recurrent Spontaneous Psychokinesis, wiederkehrende spontane Psychokinese) genannt, lassen sich wie bei den meisten parapsychologischen Anomalien mehrere Erklärungsebenen identifizieren. Eine wissenschaftlich hinreichende Erklärung muss alle Ebenen abdecken. Die zwei wesentlichsten Erklärungsebenen bei diesem Phänomen sind die physikalische und die psychologische Erklärungsebene. Eine gesicherte physikalische Erklärung für die Phänomene gibt es bisher nicht. Wir wissen nicht – vorausgesetzt, wir können Faktoren wie Betrug, technische Störungen oder unbewusste konventionelle physikalische Manipulationen ausschließen – wie es dazu kommt, dass bei solchen Vorfällen Glühbirnen durchbrennen oder zerplatzen, elektrische Geräte von selbst angehen oder Gegenstände sich scheinbar ohne äußeren Einfluss bewegen.

Auf der psychologischen Ebene dagegen wissen wir aus zahlreichen Fällen, dass oft eine Person, die unter psychischem Druck oder Stress steht, im Mittelpunkt der Phänomene steht. Die Ereignisse treten in solchen Fällen nur dann auf, wenn diese sogenannte Fokusperson anwesend ist. Darüber hinaus wissen wir, dass die Phänomene an Intensität verlieren oder gar ganz verschwinden, wenn es der Fokusperson gelingt, diesen Stress oder Druck abzubauen, beispielsweise indem sie es schafft, innerpsychische Konflikte zu identifizieren und zu lösen. Und genau diese psychologische Ebene ist es, die für Ratsuchende und für Beratende gleichermaßen wichtig ist. Betroffene müssen in diesem Beispiel gar nicht wissen, was bei diesen Vorfällen physikalisch genau passiert. Es reicht völlig aus, wenn sie verstehen, dass sie oder eine andere lebende Person im Zentrum des Geschehens stehen. Für die Betroffenen ist diese Erklärung oftmals in mehrerer Hinsicht hilfreich. Zum einen erfahren sie, dass das Geschehen nicht durch etwas Externes ausgelöst wird, das sie nicht kontrollieren können, sondern durch sie selbst oder eine andere lebende Person. Auf der anderen Seite wird ihnen durch diese Erklärung deutlich, dass sie das Geschehen selbst beeinflussen könnnen, indem sie die Faktoren finden, die eine Rolle für die Entstehung und Aufrechterhaltung des Geschehens spielen. Beide Konsequenzen aus dieser Erklärung helfen Betroffenen, die Kontrolle über die Situation zurückzuerlangen. In vielen Fällen führt das dazu, dass es Betroffenen – manchmal mit professioneller Hilfe – gelingt, die psychischen Belastungen und Konflikte zu identifizieren, die zum Geschehen beitragen, und sie zu bewältigen, was meist auch zu einer deutlichen Abnahme oder gar zum Verschwinden der Anomalien führt.

Ein Skeptiker mag nun einwenden, dass das ja nun noch nicht bedeutet, dass die Anomalien auf der physikalischen Ebene nicht konventionell erklärbar sind, und dass sehr wohl auch physikalische Erklärungen wie unbewusste physikalische Manipulationen durch die Fokusperson zutreffen können. Das ist unbestritten richtig, auch wenn es mittlerweile etliche gut untersuchte Fälle gibt, bei denen solche Manipulationen oder andere konventionelle Erklärungen wie Betrug ausgeschlossen werden konnten. Aber so wichtig dieser Einwand für eine rein wissenschaftliche Erklärung der Anomalien ist, so irrelevant ist er für eine Erklärung im Rahmen einer Beratung. Unter Umständen kann ein solcher Einwand, wenn er bei einer Beratung geäußert wird, sogar dazu beitragen, dass der Ratsuchende sich nicht ernst genommen fühlt oder sich gar Vorwürfen ausgesetzt sieht und so wegen des daraus folgenden Vertrauensverlustes keine erfolgreiche Hilfestellung mehr möglich ist. Denn wer lässt sich schon gern unbewusste oder gar bewusste Manipulationen vorwerfen, wenn man Dinge erlebt, die man sich nicht erklären kann und die einen verunsichern oder gar ängstigen?

Ziel einer Beratung kann also gar nicht sein, eine vollständige und robuste wissenschaftliche Erklärung des Geschehens auf allen Ebenen zu liefern – es sei denn, die Person fragt direkt danach, was selten vorkommt. Der Versuch, eine solche Erklärung zu liefern, kann sogar den Erfolg der Beratung gefährden. Wenn in einer Beratung mit Erklärungen gearbeitet werden soll, kommt es daher vielmehr darauf an, Erklärungen auf den Ebenen zu finden, die für den Ratsuchenden relevant sind und ihm im Optimalfall Möglichkeiten an die Hand geben, das Geschehen im Rahmen seiner persönlichen Umstände besser verstehen und einordnen oder gar in seinem Sinne beeinflussen zu können.

Die relevante Ebene muss dabei freilich nicht immer die psychologische sein, auch wenn es in vielen Fällen sinnvoll ist, auf dieser Ebene zu bleiben. Es gibt zahlreiche Erfahrungen, denen keine innerpsychischen Prozesse zugrunde liegen, sondern durch einen normalen physikalischen Vorgang zustandekommen. In diesen Fällen ist eine Erklärung auf der physikalischen Ebene ohne eine Betrachtung der psychologischen Ebene hinreichend und zielführend. In seltenen Fällen kann auch die neurologische Ebene eine Rolle spielen.

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